In Memoriam Karl D. Rakoš


Univ. Prof. (emeritus) Dr. Karl D. Rakoš
Institut für Astronomie, Universität Wien, Austria

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Beiträge/Contributions


Trauerrede von Christian Rakos:

Karl Dragutin Rakos wurde am 1.11.1925 in Stefanje, einem kleinen Dorf in Kroatien geboren. Er war der älteste von drei Brüdern. Sein Vater arbeitete als Kaufmann, Schuhändler und Leiter einer Molkerei. Seine Mutter war Hausfrau. Seine Jugend war geprägt von den wirtschaftlich schwierigen Umständen der Zwischenkriegszeit. Seine Familie musste 16 mal umziehen - teils weil sein Vater eine neue Arbeit suchen musste, teils, um den Kindern den Besuch eines Gymnasiums zu ermöglichen.

In seinen Erinnerungen aus dieser Zeit, die er in Interviews mit seinen Töchtern Anna und Monika aufgezeichnet hat spielt die wirtschaftliche Not allerdings kaum eine Rolle. Seine Highlights waren, wie er im Alter von 9 Jahren in der Weihnachtsnacht zum ersten mal bewusst den Sternenhimmel sah. Wie er noch in der Volksschule begann mit einer Batterie zu experimentieren, wie er in der zweiten Klasse Gymnasium seine Physik und Chemiebücher studierte und begann, zum Missfallen seiner Mutter, in der Küche Experimente zu machen. In der 4. Klasse begann er Radios zu bauen.

Noch im hohen Alter konnte er sich an den Tag erinnern, an dem er begann, sich mit Astronomie auseinanderzusetzen. Es war der Neujahrstag 1938, als ihm langweilig war und er am Dachboden in einer Kiste mit alten Büchern stäberte. Dabei stiess er auf ein Buch über Astronomie. In seinem Tagebuch vermerkte er: heute habe ich begonnen, mich mit Astronomie zu beschäftigen.

Kurz vor Kriegsende spitzte sich die Situation in seiner Heimat dramatisch zu. Die russische Front kam immer näher und kommunistische Partisanen begannen das Land zu terrorisieren und die kommunistische Machtübernahme vorzubereiten. Drago musste wenige Monate vor seiner Matura flüchten um der Ermordung durch Partisanen zu entgehen- er hatte sich im Gymnasium als Gegner des Kommunismus stark exponiert.

Unter sehr schwierigen Umständen studierte Drago in Zagreb und Belgrad Astronomie und versuchte gleichzeitig, im Untergrund einen Widerstand gegen das kommunistische Regime aufzubauen. Kurz nach Ende seiner Studien wurde er deswegen verhaftet und zu 12 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach 8 Monaten gelang ihm 1950 die abenteuerliche Flucht nach Österreich.

In Graz begann er wieder Astronomie zu studieren und sein Doktorat zu machen. Sechs Jahre nach seiner Flucht lernte er meine Mutter kennen- auf Exertitien, bei denen während der ganzen Zeit Stillschweigen zu halten war. So konnte er sie nicht ansprechen. Damals hat er, wie er später erzählte, mit dem lieben Gott gehadert, dass er diese Begegnung nicht zuliess. Ein Jahr später traf er sie wieder, zufällig, bei einem Schikurs. Am Pfingstsonntag 1958 haben sie geheiratet, und seit damals hat er - wie er sagte - nie wieder mit dem lieben Gott gehadert.

Es folgten 25 erlebnisreiche und glückliche Jahre, nach und nach haben sich 4 Kinder eingestellt. Mit viel Freude verfolgte Drago seine wissenschaftliche Arbeit. Zwei Jahre verbrachte die ganze Familie in Flagstaff Arizona - für alle eine wunderbare Zeit.

Natürlich sind auch Sorgen nicht ausgeblieben. Konflikte mit den heranwachsenden Kindern wurden unvermeidlich, der kulturelle Bruch zwischen der Welt der Vorkriegsgeneration und den Kindern der 60er und 70er Jahre war profund. Auch schwere Krankheiten der Frau wie der Töchter Imma und Monika warfen Schatten. Doch die Krankheiten wurden geheilt und über die Konflikte ist das Gras gewachsen.

Nach seiner Pensionierung und den politischen Umwälzungen von 1989 hat Drago nach 40 Jahren wieder begonnen, sich für seine Heimat einzusetzen. Er hielt jahrelang Vorlesungen in Zagreb und half mit, an der dortigen Universität einen Lehrstuhl für Astronomie zu gründen und auf der kroatischen Insel Hvar ein Teleskop zu errichten.

Drago hat bis zu seinem 83 Lebensjahr wissenschaftlich gearbeitet und in den angesehensten astronomischen Zeitschriften publiziert. 2008 feierte er mit meiner Mutter goldene Hochzeit und konnte auf 50 Jahre glückliche Ehe zurückblicken. Wenige Monate danach erlitt er einen Schlaganfall - eine grosse Zäsur und das Ende seiner wissenschaftlichen Arbeit. Trotzdem konnte er noch 3 recht zufriedene Jahre mit seiner Frau verleben und es war schön zu sehen, wie sie für jeden gemeinsamen Tag, den sie miteinander verbrachten dankbar waren. Diese Tage sind nun zu Ende.

Drago war ein aussergewöhnlicher Mensch. Neugierig, engagiert, mutig und humorvoll, besonnen und klug. Er war ein guter Vater und ein treuer Ehemann. Wütend gemacht haben ihn nur Ignoranz und Ungerechtigkeit. Bei aller Begeisterung für die Wissenschaft und das Rationale war er auch ein Mensch, der in seinem Glauben sehr stark verankert war. Wir verabschieden uns von ihm mit einem tiefen Gefühl der Achtung und der Dankbarkeit.

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Hans-Michael Maitzen, Univ. Wien

Liebe Freunde, lieber Drago,

Ich kenne Drago seit genau einem halben Jahrhundert. Beide wohnten wir in unmittelbarer Nähe der Grazer Universitätssternwarte. Sogar so nahe, dass Drago Mitte der Sechziger Jahre in einem seiner Zimmer (Ecke Heinrichstrasse- Mozartgasse) ein Zielobjekt im Fenster aufhängte, um die Abbildungsqualität des von seinem ChefUniv.Prof. Oskar Mathias initiierten und von uns beiden optisch finalisierten 40cm Spiegels (für das Observatorium am Lustbühel südlich der Stadt Graz bestimmt) zu testen. Die Identifizierung dieses kleinen Teleskops mit der Entwicklung der österreichischen Astronomie war Drago aber nicht möglich. Seine Forschungsaufenthalte am berühmten Lowell-Observatory zeigten ihm eine andere Welt der Möglichkeiten für die beobachtende Astronomie gerade auch in Österreich, er war dabei auf einer Linie mit dem schon viel zu früh verewigten Prof. Dr. Alois Purgathofer, seinem Kollegen.

Die Kontakte zu Flagstaff in Arizona, wo er mit seiner Familie weilte, führten auch zur Einladung an andere Wiener Kollegen (1967 nach seiner Habilitation wechselte er an die Wiener Universitätssternwarte) und etablierten eine gediegene Kooperation mit der US-amerikanischen Astronomie. Es ist festzuhalten, dass Prof. Rakos als erster in Österreich auf die Existenz der im Werden begriffenen European Southern Observatory Institution hinwies. Ich habe nach meinem Beginn an der Universität Bochum im Februar 1969, als mich mein neuer Chef Prof. Schmidt-Kaler fragte, ob ich mir zutraue, als einer der ersten Beobachter an der Aussenstelle La Silla in Chile im Mai einen Beobachtungsrun von 2 Monaten zu absolvieren, sofort natürlich ja gesagt und gleich darauf Drago angerufen, ob er mir einen Tipp für die Beobachtungsliste geben könnte. Er hat mir postwendend den Katalog von Horace Babcock (ApJ Suppl. 1958) für Variabilitätsbeobachtungen ans Herz gelegt und sein Rat war mir und ich glaube auch der Wissenschaft Goldes wert. Ich bin ihm dafür für mein Leben lang dankbar.

Für Drago war seine Familie immer ein Ort der Freude, wohin er sich zurückziehen konnte, wenn Fährnisse aller Art auftauchten. Und obwohl Österreich für ihn durch seine Familie zur Heimat wurde, war er doch im besten Sinne kroatischer Patriot. Stellvertretend für die kroatische Welt, in der er nach der Unabhängigkeit des Landes bis in die höchsten wissenschaftlichen Gremien tätig war, will ich das Abendgedicht eines der berühmtesten kroatischen Dichter, Dobriša Cesaric´ zitieren

U suton

U suton kada prve zvijezde
i prve gradske lampe sinu,
kad ljubavnik o dragoj sanja,
i pijanica o svom vinu

Ja tiho hodam pored kuc´a
u kojima se svijetla pale,
sva zla i nevolje i sumnje
na jednom budu posve male.

I smiješim se u meki suton
od zapaljenih zvijezda svec´an,
I osjetim dubinu svega,
I da je z´ivot vjec´an, vjec´an.

Es gibt davon eine gereimte deutsche Version, die gut zu rezitieren ist, aber nicht in allem den Sinn der Gedanken von Cesaric wiedergibt. Daher hier meine persönliche, nicht gereimte Übersetzung:

Am Abend, wenn die ersten Sterne
und die ersten Lichter der Stadt aufleuchten,
wenn der Liebende von seiner Geliebten träumt,
und der Trinker von seinem Weine,

dann geh ich still entlang der Häuser,
in denen schon Lichter leuchten,
alles Böse und Unbill und Zweifel
werden auf einmal ganz klein.

Und ich lächle in den weichen Abend,
der von den erwachenden Sternen gekrönt,
und ich fühle die Tiefe von Allem,
und dass das Leben ewig ist, ewig.

Hvala lijepa za sve, Drago, do vidjenija
Vielen Dank für alles, Drago, auf Wiedersehn!

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Werner Weiss, Univ. Wien

Verehrte Trauergäste,
liebe Familie,
lieber Drago.

Es ist schwer einen Menschen zu verlieren, aber es ist ein Trost zu wissen, dass viele ihn gern hatten.

Christian hat die Liebe im Kreis der Familie beschrieben. Ich möchte dies für uns als Nachbarn erweitern.

Mehr als 20 Jahre haben wir, Tür-an-Tür, in der Sternwarte gewohnt, und wir haben in dieser langen Zeit viele fröhliche Stunden miteinander verlebt.

Unvergesslich sind die Momente, wo wir alle krank daheim lagen und plötzlich, völlig unerwartet, läutete es zu Mittag an unserer Wohnungstüre und Du standest mit Monika davor, ein grosses Tablett tragend mit einem Topf köstlicher Gemüsecreme-Suppe und duftenden Buchteln mit Vanillesauce. Ami hat für uns alle gekocht und Du hast den Transport übernommen. Diese nachbarschaftliche Fürsorge war symptomatisch für Euch, Ihr habt ganz einfach wunderbar geholfen - ohne viel zu fragen.

Ein anderes Beispiel ist das riesengrosse Frühstück, das Ihr, Du, Drago, an der Spitze, für uns anlässlich unserer Übersiedlung nach Hawaii im Jahr 1982 in Eurer Wohnung in der Sternwarte ausgerichtet habt, und ein Jahr später, nach unserer Rückkehr, habt Ihr uns einen herzlichen Empfang am Flughafen bereitet und in der Sternwarte hat uns eine festlich geschmückte Wohnungstüre erwartet. Hier haben wir wieder dieses "Gern-haben" gespürt, ein gegenseitiges "Gern-haben".

Beim Vorbereiten auf diesen heutigen Abschied ist mir so richtig bewusst geworden, dass ich Dich, lieber Drago, nie wütend erlebt habe. Nie habe ich Dich schreien gehört, selbst in sehr kritischen Situationen am Institut. Und das bringt mich zur Sternwarte, wo Du oft bis in die Nacht hinein im Büro anzutreffen warst, meistens mit einem Glas Whisky, was sich aber bald als Apfelsaft herausstellte.

Das akademische Bild der Sternwarte hast Du sehr nachhaltig geprägt. So als wäre es gestern gewesen, kann ich mich an Dein Astronomisches Kolloquium erinnern, damals noch an einem Freitag um 17 Uhr nach offiziellem Dienstschluss angesetzt, so dass auch anderweitig berufstätige Absolventen daran teilnehmen konnten - eine hervorragende Idee! Du warst ein junger Dozent aus Graz und trugst über die Bestimmung von Fixsterndurchmessern mit Hilfe von Sternbedeckungen durch den Mond vor. Ich - damals noch am Atominstitut dissertierend - fand diese Idee sehr originell, denn sie war ein Musterbeispiel dafür, wie mit bescheidenen finanziellen Mitteln Präzisionsaussagen über einen stellaren Fundamentalparameter gewonnen werden können. Und dies ohne den riesigen Aufwand der Interferometrie. Die wellenoptischen Grundlagen waren natürlich schon lange bekannt, aber deren Umsetzung in eine Praxis mit astronomischer Relevanz war beispielgebend. Dieses Projekt war nur deswegen möglich, weil Drago damals bereits Experte auf dem Gebiet der digitalen Elektronik war und den nach ihm benannten "Rakosch-Verstärker" entwickelt und publiziert hatte, eine Einrichtung, die es erlaubte, einzelne Photonen mit sehr hoher zeitlicher Genauigkeit zu messen und digital zu registrieren. Einige Sternwarten in Europa und Amerika haben solche Verstärker nachgebaut, bis dann relativ bald die Industrie auf diesen Zug aufgesprungen ist.

Du, Drago, warst es, zusammen mit Alois Purgathofer, der die moderne astrophysikalische Beobachtungstechnik an die Sternwarte brachte, deren damals modernstes Beobachtungsgerät, der Grosse Refraktor, aus dem Jahr 1878 stammte, also fast 100 Jahre alt war. Ihr beide habt im Wesentlichen die Astrophysik in Wien etabliert!

Du, Drago, hast Dich eingesetzt, um für die Sternwarte eine PDP-12 zu kaufen, den ersten Prozessrechner an der Universität überhaupt! Sehr gut kann ich mich noch an Deinen Crashkurs erinnern, in dem Du Rudi Albrecht und mir, in der ersten Bankreihe des Hörsaals sitzend, die Grundlagen der digitalen Elektronik beigebracht hast, weil wir einen Kurs zum Bau von Interfaces bei der Fa. Digital Equipment in München verpasst bekommen haben.

Eine weitere Anwendung Deiner digital-elektronischen, optischen und mechanischen Fähigkeiten war der Aerea Scanner zur genauen photometrischen und astrometrischen Vermessung enger Doppelsterne. Wenige Jahre vorher habe ich selbst mit dem Messmikroskop noch Astrographen Photoplatten mühsam ausgewertet, und da war plötzlich ein Instrument, das alles viel genauer, rascher und umfangreicher messen konnte. Der Aerea Scanner brachte auch bald die damaligen Youngsters am Institut - Anneliese Schnell, Rudi Albrecht und mich - nach Hawaii an das Mauna Kea Observatorium zum Vermessen von Doppelsternen. Für uns Junge war es das astronomische Paradies auf Erden.

Noch ein paar Schlaglichter:

Drago, Du hast die ersten modernen digitalen Detektoren ans Institut gebracht. Damals waren es die so genannten RETICONs.

Du hast die Weltraumastronomie in Wien und Österreich eingeführt, und wenn im kommenden Jahr die ersten österreichischen Satelliten fliegen werden, dann bist auch Du an diesem Erfolg beteiligt.

Du hast die Computerisierung unseres Institutes ausgelöst und betrieben und die nötige Basis dafür geschaffen.

Du hast Deine weitreichenden internationalen Kontakte genützt, um auch uns "Jungen" die Wege dorthin zu ebnen. Am Hubble Space Telescope zum Beispiel waren bzw. sind zwei Deiner Schüler an wichtigen Positionen tätig.

Du hast die Thematik der pekuliaren A-Sterne vom Lowell Observatorium in Flaggstaff nach Wien gebracht. Auf diesem Gebiet wird hier noch immer sehr intensiv und - wie ich glaube - immer noch erfolgreich geforscht.

Drago: Wir verabschieden uns von einem beispielhaften Wissenschafter.
Wir verabschieden uns von einem lieben, väterlichen Freund.
Wir verabschieden uns von dem, was sterblich ist, denn in uns lebst Du weiter.

Wir danken Dir.

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R. Albrecht. Leiter, ESA Space Telescope European Coordinating Facility, ret. (Student, später Mitarbeiter von Karl Rakos)

Sehr geehrte Trauergemeinde, liebe Familie,

liebe Freunde und Kollegen von Karl Rakos,

Meine Vorredner haben Ihnen bereits einen Überblick über Persönlichkeit und Leistungen von Karl Rakos gegeben. Ich werde das Bild, das sie gezeichnet haben, bis zu einem gewissen Grad nochmals zeichnen, aber mit deutlicheren Farben, und auch mit einer etwas anderen Perspektive, von der Perspektive ausserhalb Österreichs.

Karl Rakos wurde von Joseph Meurers aus den USA nach Wien geholt. Man kann das Herrn Meurers nicht hoch genug anrechnen, wo er doch selbst wissenschaftlich noch tief in den 30-er und 40-er Jahren steckte.

Karl hatte eine fast spielerische Herangehensweise an die Wissenschaft. Das hat einige Leute gestört, die mehr Ehrfurcht und Respekt vor der Wissenschaft verlangt haben. Aber der Erfolg gab Karl Recht: er war der Erste, der in Wien halbwegs moderne Astronomie im grossen Stil betrieben hat. Davor gabs in Wien fast nur recht kleinkarierte Astronomie, inklusive einen Direktor, der noch 1960 eine Mondlandung als völlig unmöglich bezeichnete.

Karl hat kompromisslos den Einsatz von Computern und von Elektronik vorangetrieben. Die ersten Computer an der Sternwarte kamen von ihm und durch ihn. Die Möglichkeit der interaktiven Arbeit am Computer gab vielen von Karls Studenten in weiterer Folge einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil für ihre Karriere.

Karl hat die Wichtigkeit von space astronomy, Astronomie vom Weltraum aus, voll erkannt. Das Ergebnis waren zahlreiche Arbeiten mit dem IUE Satelliten bereits Ende der 70-er Jahre.

Er hat uns, seinen Studenten, die Wichtigkeit der Internationalität beigebracht. Ohne ihn wäre ich zum Beispiel wahrscheinlich nicht nach Lowell Observatory gegangen, soll heissen dann, auf dem Umweg über Cerro Tololo in Chile, auch nicht beim Space Telescope Science Institute gelandet, und damit auch nie Chef des Space Telescope European Coordinating Facility geworden. Und auch andere hätten den Sprung nicht geschafft.

Karl war da sehr direkt. Er sagte 1969 zu mir: "Schön, dass Deine Dissertation approbiert wurde. Aber international gesehen bedeutet ein Doktorat der Universität Wien nichts. Du musst unbedingt nach Amerika gehen."

Karl hat international bekannte Leute wie Larry Fredrick, Arne Stettebak, Alan Stockton, John Wood und andere nach Wien gebracht. Davon haben wir alle enorm profitiert.

Er hat auch Leute wie Maitzen und Breger nach Wien gebracht. Das war enorm positiv. In seiner Einschätzung von Personen hat er nur einen Fehler gemacht: er hat auch Werner Tscharnuter nach Wien gebracht, hat dessen Bewerbung unterstützt. Von ihm hatte er eine gedeihliche Zusammenarbeit zum Wohl der österreichischen Astronomie erwartete. Es sollte völlig anders kommen. Die von Tscharnuter ausgelösten Zwistigkeiten haben das Wiener Institut paralysiert und es um Jahre zurückgeworfen. Für mich selbst hatte sich damit die Frage nach einer möglichen Rückkehr nach Wien erledigt.

Ich weiss, das sind deutliche Worte, deutlicher als sie Karl selbst je ausgesprochen hätte. Aber ich bin es meinem Vorbild, Lehrer und Freund Karl Rakos schuldig, gerade bei dieser Gelegenheit die Dinge zurechtzurücken.

Karl hat zum Beispiel jahrelang den Beitritt Österreichs zur ESO betrieben. Hat Konzepte entwickelt und Analysen erstellt. Neid, Missgunst und Kleingeist haben diese Bestrebungen leider immer wieder torpediert.

Es war ihm fast gelungen, ein österreichisches Teleskop auf dem Mauna Kea aufzustellen. Neid, Missgunst und Kleingeist haben auch diese Initiative zu Fall gebracht. Das Teleskop steht heute in Kroatien, eine suboptimale Lösung, aber immerhin wird jetzt damit Astronomie betrieben.

Karl hat uns, seinen Studenten, die amerikanische wissenschaftliche Kooperationsmethode gezeigt, wo der "Chef" ein wirklicher Primus inter pares ist, und nicht ein unkritisierbarer Diktator.

Karl war einer der ganz wenigen Chefs, denen es nichts ausmachte, wenn seine Mitarbeiter auf Teilgebieten mehr wussten als er und in der Folge auch besser waren als er. Im Gegenteil, er hat das vorausgesetzt.

Als ich bei ihm als Assistent anfing sagte er einmal: "Wenn Sie"- wir waren damals noch per Sie- "wenn Sie sich zwei Wochen lang intensiv mit einem Spezialgebiet beschäftigen, dann darf ich mich nicht wundern, dass Sie darüber mehr wissen als ich."

Und ganz wichtig: Karl hat uns gezeigt, dass man Wissenschaft mit Passion und vor allem auch mit Spass und Freude betreiben kann. Zum Unterschied von Leuten, die geglaubt haben, Wissenschaft müsse todernst sein und bestehe vor allem im Auswendiglernen von Formeln.

Karls wissenschaftliche Produktivität war enorm. Obwohl seine Karriere bedingt durch die politische Situation in Europa erst spät begann, hat er weit über 100 referierte Arbeiten publiziert. Immerhin hat er noch 2008, also mit 83 Jahren, eine Veröffentlichung im Astrophysical Journal als führender Autor produziert. Und 2009 noch zwei als Mitautor. Nur seine Krankheit hat ihn am Weitermachen gehindert.

Vor allem war Karl ein guter, ein fairer, ein immer hilfsbereiter Chef, Kollege und Freund. Ich, und mit mir andere seiner Studenten und Kollegen, haben ihm viel zu danken.

Ich will mit einigen Reaktionen schliessen, die ich in den letzten zwei Tagen erhalten habe.

Jim Schombert von der University of Oregon, mit dem Karl in den letzten Jahren zusammengearbeitet hat, schreibt:

Karl has always been my role model. He was always the optimist, even during the cloudiest nights at the 4-meter telescope. When we would have troubles with editors and referees, he always had a kind word to say even about our critics.

Das nächste Zitat stammt von Michael Barylak. Der ist irgendwann in den 80-er Jahren mit leichtem Gepäck nach VILSPA geflogen, um den Leuten dort bei der IUE Datenreduktion zu helfen. Er ist nie zurückgekommen. Heute ist er Quality Control Manager am ESA Hauptquartier in Paris. Er schreibt:

Immer wenn ich an meinen Lehrer Prof. Rakos denke, errinnere ich mich an seinen Ratschlag. Und es war egal ob ich verzweifelt nach einem Softwarefehler suchte, oder einen besseren Dataplot vorschlug, oder als ihn um Rat und Hilfe bat vor meiner Reise nach VILSPA... er sagte:

"Lieber Michael, die andern kochen auch nur mit Wasser..."

Das letzte Zitat stammt von Tobias Kreidl, heute Abteilungsleiter am Computer Center der Northern Arizona University:

Karl Rakos hat immer Zeit fuer seine Studenten gehabt und teilte mit uns seine Begeisterung und seine Lebensfreude in allen seinen Unternehmungen. Seine Einfluesse und Leistungen leben weiter in seinem Werk. Ich bin ihm und seiner Familie fuer vieles dankbar.

Dem habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen.

Lieber Drago, wenn es den Gott gibt, an den Du so stark geglaubt hast, dass er für ihn unter Lebensgefahr gegen das jugoslawische kommunistische System gekämpft hast, wenn es diesen Gott gibt, dann möge er Dir die ewige Ruhe leicht machen.

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Michel Breger, Universität Wien und University of Texas

Zum 75. Geburtstag von Karl Rakos veranstalteten seine Kollegen und früheren Studenten ein wissenschaftliches Festkolloquium. Das Vorwort zur Festschrift, welches schon vor über 10 Jahren geschrieben wurde, ist heute noch genauso aktuell wie damals. Dies war das Vorwort:

"Besonders unter den jungen Astronomen gibt es viele aktive Forscher. Jenseits der berüchtigten Pragmatisierungsgrenze werden es viel weniger, aber es bleiben trotz Verwaltungsarbeiten doch noch einige gute, aktive Forscher über. Jenseits der Pensionierunggrenze gibt es leider nur noch wenige aktive Forscher- das sind die Wissenschaftler, die ihr Fach wirklich lieben und die durch die Komplexität der meisten wissenschaftlichen Probleme noch nicht abgeschreckt wurden. Karl Rakos gehört zu dieser exklusiven Gruppe. Zum jetzigen Zeitpunkt seines 75. Geburtstages ist er in der Forschung ungebrochen aktiv.

Wie heisst es so schön: "You can judge an apple tree by its apples." Diese Äpfel sind nicht nur die Publikationen mit den vielen Entdeckungen, sondern auch die Studenten, die man ausgebildet hat. Nicht vergessen sollte man auch den positiven Einfluss, den man auf seine Kollegen gehabt hat. Und da steht Karl Rakos als prächtiger Apfelbaum da. Wie kann man sonst erklären, dass so viele frühere Mitarbeiter ohne lange Überlegung sofort zu der Feier zum 75. Geburtstag im Rahmen einer wissenschaftlichen Veranstaltung kommen wollten- und zum Teil um die halbe Erde anreisten?

Nein, dieses Vorwort zur Festschrift ist keine Laudatio. Es gibt hier auch keinen Lebenslauf, Auflistung der wichtigen Stationen im Leben, Publikationslisten und Huldigungen. Das ist meine Schuld - ich halte diese offiziellen Lobgesänge oft für peinlich. Für Karl Rakos ist das gar nicht notwendig: der wissenschaftliche Erfolg und die Sammlung wissenschaftlicher Arbeiten und Kommentare in dieser kleinen Festschrift sagen alles!"

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H. John Wood, NASA Goddard

Karl Rakos - Some Wonderful Inspiration

Earl C. Slipher at Lowell Observatory was writing two books about his life's work on photography of the planets in 1961 and 1962. He had just finished "Mars: The Photographic Story" and was starting a second book on "A Photographic Study of the Brighter Planets" when I was hired for two summers in Flagstaff to serve as a printmaker in the darkroom. Slipher began his lifelong career as a planetary astronomer in 1907 when he observed Mars during an expedition to the Andes led by David Todd and supported by Percival Lowell. He became an astronomer at Lowell Observatory in 1908. At Lowell, he became one of the first people to use multiple image printing, in which several images taken in close succession are superimposed onto one photographic plate in order to improve the information content in any given picture. Slipher taught me this technique and I was learning fast what it was to make a decent print from his composited plates.

I met Karl Rakos and his family at Lowell Observatory during this summer of 1962. I was a graduate student at Indiana University and had decided to study the chemically peculiar A-stars for my M.A. and Ph.D. Fortuitously, that was Karl's field!

I spent all day in the darkroom making prints of the planet composite plates. On several lovely evenings, my wife Bonnie and I went on picnics watching the sunset with the Rakos family at the San Francisco Peaks. At night, I would join Karl in the dome talking about Ap stars. It was absolutely the most lovely and fortunate thing for me and my career. In 1975, Werner Weiss and Helmut Jenkner had organized an I.A.U. Colloquium on Ap stars at the Sternwarte and I was invited to participate. The result was a very nice book: "Physics of Ap-stars; Proceedings of the Colloquium, Vienna, Austria, September 8-11, 1975" by Weiss, W. W.; Jenkner, H.; Wood, H. J.

In 1976, Karl invited me to come back to Vienna for two years so I could analyze my many ESO Coudé spectrograms and work with Albrecht, Jenkner, Maitzen and Weiss on magnetic star Zeeman spectroscopy.

One of the most sincere forms of flattery is to copy an idea from someone. Karl had developed an photometric area scanner using a moving slit driven by a simple rotating cam. When the output of the photomultiplier was synchronously scanned by a 128 channel multiscaler, you got a beautiful plot of the intensity distribution of a small section of the sky with, say, a double star there. The scanning was so rapid, typically 5 Hz, that the effects of seeing were averaged out.

I was looking for Balmer-line variability in magnetic stars so I converted the sky scanner to a spectrum scanner. It scanned a one-centimeter area of spectrum (197 Angstroms) with a slit giving a 4 Angstrom resolution - just fine for a broad Balmer line. Later, in Chile, ESO and I wanted a three-channel spectrum scanner and Rudi Albrecht joined the staff of ESO to develop the driver, data acquisition system and analysis software. The computer had such a small memory (16K) that Rudi had to invent a virtual array handler to record all the data.

So, you can see that thanks to Karl I was able to have a very productive and rewarding career.

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Peter B. Boyce, Executive Officer (ret.) American Astronomical Society

Karl was a great friend at Lowell, and brilliantly innovative. With his help I adapted his area scanning principle to my spectrum scanner, which eliminated the problem of transparency variations. I am deeply indebted to him for his support and his friendship, especially his friendship. I will always remember him trying to photograph a Stinktier, getting too close, and paying the price. Karl (or Drago to his friends) was like that, always pushing the limits, usually successfully. He was great to have as a friend and mentor. I am sorry he is no longer with us.

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James Schombert, University of Oregon

Karl has always been my role model, someone who had two careers in astronomy, stellar and extragalactic. He was always the optimist, even during the cloudiest nights at the telescope. When we would have troubles with editors and referees, he always had a kind word to say about our few opponents.

My favorite Karl story is the time, a few months after he had bypass surgery, we had a dark run on the KPNO 4meter. I arrived with a bad cold and spent the run on a sofa in the control room. Karl, 30 years my senior and just out of heart surgery, ran the computer and changed the filters all night long. I only wish I can stay as young as he was at 80, at my 50.

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Michael Barylak, ESA, Dissertant von Karl

Immer wenn ich an "meinen" Prof. Rakos denke, errinnere ich mich an seinen Ratschlag. Und es war egal ob ich verzweifelt nach einem Softwarefehler suchte, oder einen besseren Dataplot vorschlug oder Ihm um Rat und Hilfe bat ob meiner Reise nach VILSPA... er sagte nur:

"Lieber Michael, die andern kochen auch nur mit Wasser..."

Und dieser einfache Rat hat mir bis heute immer die richtige Perspektive zu Problemen ermoeglicht und Mut gemacht. Vielleicht ist er ein Lemma zu dem Satz von Einstein der da lautet:

"Everything must be made as simple as possible, but not (one bit) simpler."

Liebe Gruesse an Alle, ein trauriger Michael.

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Andreas Schermann, Dissertant von Karl

Gedanken zu Professor Rakos' Tod:

Sein Hauptmerkmal war seine Begeisterung für die Astronomie. Die gab er an alle seine Studenten in einer Art weiter, dass sie sich fast gar nicht wehren konnten. Sie war einfach ansteckend. Es war eine Art "Leichtigkeit des Seins" die er dadurch vermittelte. Alles, was man mit Freude tut, tut man motiviert und deswegen gut!

Wenn er am Institut war, hatte er stets ein offenes Ohr für die Anliegen seiner Studenten, wenn auch nur immer kurz, was in der nicht gerade niedrigen Anzahl der Sudenten begründet war, die er jeweils betreute. Er setzte sehr auf Eigenständigkeit seiner Studenten.

Er war auch einer der ersten, wenn nicht überhaupt der erste Förderer (genaueres weiss hier sicher Rudolf Albrecht zu sagen) der automationsunterstützten Auswertung der aus astronomischen Beobachtungen gewonnenen Daten an der Wr. Universitätssternwarte und für jede neue Idee, die dabei einen Gewinn an Effektivität und Effizienz versprach, zu haben. Er hielt auch stets nach Verbesserungsmöglichkeiten der bestehenden Auswertungsmethoden Ausschau.

Er machte in jeder Mittagspause seinen halbstündigen Spaziergang im Sternwartepark - in entsprechend schnellem Eilschritttempo, um sich rege und fit zu halten - immer alles dem Hauptzweck untergeordnet.

Wenn es um's wissenschaftliche Arbeiten ging, stellte er seine Arbeitsmittel gerne auch den Studenten und Dissertanten zur Verfügung - so zB seine eigene, damals sehr moderne IBM-Kugelkopfmaschine für das Schreiben der Dissertations- oder Texte für Veröffentlichungen.

Er war auch eine Art "lebende Schnittstelle" zwischen seinen Dissertanten und Gastastronomen, die Beobachtungsmaterial für Auswertungen zur Auswertung zur Verfügung stellten.

Wichtigstes Kriterium für meine Wertschätzung seiner Person war jedoch:

Durch die vergleichsweise grosse Anzahl an Dissertanten, die er gleichzeitig betreute, hatten diese auch immer einen regen Austausch untereinander. Zusammenarbeit in einem guten Klima der gegenseitigen Wertschätzung und Akzeptanz ist m.E. eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für produktive Arbeit und gute Resultate.

Für dieses Klima war Herr Professor Rakos Garant.

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Larry Fredrick, Chairman (ret.), Institute for Astronomy, University of Virginia

We have lost a great friend.

I am of an age where friends are gradually diminishing, some of them not so old.

I would like to write something to memorialize Karl, but my memory is not so fresh and our scientific collaboration was rather brief. So I just want to say that I admired Karl as a scientist and as a friend.

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Tobias J. Kreidl, Northern Arizona University, former doctoral student of Prof. Dr. Karl Rakos

Karl Rakos was an enormous influence on me from very early on, as well as with the many with whom he worked over many decades. He and my parents shared the similar experiences of fleeing their native lands and having to acclimate to a new country and society. We also had in common that German was not our primary language. And of course, that we both loved astronomy -- something I also knew I wanted to study from an early age.

Others have already spoken of Karl Rakos' contributions to the Institute for Astronomy in Vienna, to astronomy in Austria in general, and his far-reaching changes he brought about in the way scientific research was conducted. His foresight was great in these areas. He had a keen eye of what would be important in the future of astronomy.

Aside for being always willing to lend an ear to a sometimes naive student, Karl Rakos has a fatherly way about him that always made you feel he both needed to steer you in the right direction and at the same time, genuinely cared for you. His foremost overt virtues were kindness and enthusiasm. He was also quite the tinkerer and inventor. As an example, I volunteered to help observe an occultation of either Antares or Aldebaran -- I can't recall which -- by the moon using the 27" Vienna refractor in the mid 1970s. Minutes before the occultation, the declination axis clamp gave out and the telescope -- not perfectly balanced -- started drifting. Prof. Rakos suggested I suspend myself by the arms from the axis at a suitable position that would re-established equilibrium and that I just needed to hold still for a couple of minutes, which I ended up doing somehow! It demonstrated how quick thinking and an innovative mind make it possible to improvise -- valuable lessons for life.

One of the greatest inspirations, though, was that Karl Rakos worked on many different areas; my misconception had been that astronomers picked a specialty early on and stuck fairly exclusively with it. Not so with Karl. He helped foster mine and others' interests in the study of a variety of topics, including lunar occultations, photometry, variable stars, galaxies and the fundamental need to learn a significant amount about computers. The digital age had really just begun and the encouragement to sit down and learn about computers by working though a mix of work and experimentation truly became contagious.

When the opportunity to work at Lowell Observatory came to fruition, I felt another following of Karl Rakos' footsteps. I have also Otto Franz and Helmut Jenkner to thank for their encouragement and support to get me to Lowell -- the Vienna connection continued. Rudolf Albrecht also spent a number of years off and on at Lowell and was instrumental in getting computers established there as important research elements. In addition to the above-mentioned topics, it was possible to work on the Hubble Space Telescope Wide Field Planetary Camera team for over a decade, work on image analysis of Saturn's rings, imaging of comets, Martian limb studies, spectral analysis and CCD imaging of QSOs, photometry and spectroscopy of delta Scuti and chemically peculiar variable stars, and a number of other areas. I eventually ended up collaborating again with Karl and publishing papers with him in the late 1980s and early 1990s. All these topics required substantial work with computers and instrumentation. There were opportunities to develop instrument control code, custom image analysis software, and more. The advent of networked computers and eventually the Internet revolutionized communications. Karl embraced these new technologies with the same enthusiasm he had always exhibited.

Karl Rakos was a catalyst in many areas of his research and had similar effects on many of his colleagues and students and a great ability to encourage and excite those around him. His legacy lives on in all he touched in these ways and I, for one, am eternally grateful to have had the honor and opportunity to have been associated with Prof. Rakos. May he rest in peace knowing how many lives he touched in so many positive ways.

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Norbert Fiala, ORF

Michael Breger hat das Bild vom Apfelbaum gezeichnet. Ich hatte das Glück ein Apfel zu sein, der unter der Anleitung „meines Professors“ reifen durfte. Als ich Anfang der 1980er Jahre an seine Bürotüre klopfte und Astronom werden wollte, ahnte ich nicht, welche spannenden Themen auf mich zukommen würden. Es war die Zeit des Übergangs von analog zu digital, von der Fotografie zur elektronischen Bildaufzeichnung. Wir experimentierten mit Fotoplatten, Bildverstärkern und schließlich mit CCD Detektoren. Es war das pure Abenteuer, bis an die Grenzen der Wahrnehmbarkeit vorzudringen und Helligkeiten der entferntesten Objekte zumessen. Mein Professor war – das wurde mir schnell klar - mit einem unglaublichen „Gespür“ für Themen, unerschöpflicher Kreativität und Liebe zur Sache unterwegs. Die ausgetretenen Pfade der Wissenschaft hat er verlassen und Neuland betreten. Und das war die extragalaktische Forschung vor 30 Jahren in Wien allemal.

Was für ein Glück für einen Dissertanten, von Anfang an dabei zu sein und einen neuen Weg erkunden zu dürfen: Ich erinnere mich, wie wir uns durch den Tiefschnee auf den Schöpfl kämpften – das Auto war hängen geblieben – mit einer von ihm konstruierten Vorrichtung zum Entwickeln der Fotoplatten im Rucksack. Ich denke an die Forschungsaufenthalte im ESO-Hauptquartier, die er mir ermöglicht hat, an die gemeinsamen Reisen zu Tagungen nach Italien und in die USA und an die Beobachtungszeit am Pic du Midi. Die Beobachtungen hat damals das Wetter vereitelt, zurückgekommen bin ich mit einer Reportage über die Arbeit im Observatorium. Davon war „mein Professor“ zunächst gar nicht angetan, was für mich auch verständlich war, schließlich hatte er mich zum Wissenschaftler ausgebildet und nicht zum Journalisten.

1989 habe ich eine Fernsehsendung über eines seiner Forschungsprojekte gestaltet, zahlreiche andere Sendungen sind gefolgt. Professor Rakos hat, ohne es zu wollen, aber zu meinem Glück, die Basis für 25 Berufsjahre im ORF geschaffen. Die Ausbildung zum Astronomen hat mir geholfen neue Blickwinkel zu finden. Ich habe gelernt, die Information, die in Bildern steckt, auszuwerten, auch wenn es heute nicht um Physik, sondern um Ästhetik geht. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Ich habe gelernt, konsequent einen Weg zu gehen. Mein Professor hat einmal einen Zettel auf das Institutsbrett geheftet auf dem stand: „The dogs may bark, but the caravan moves on“. Die Botschaft war klar: „Lass dich nicht von Zurufen aufhalten, die nicht durch Sachargumente motiviert sind“. Und noch etwas bleibt für mich unvergesslich: Unabhängig von weltanschaulichen Ansichten und Herkunft waren wir Studenten in der Dissertantenrunde bei Kuchen und Tee durch die Liebe zur Astronomie und die Suche nach Erkenntnis mit unserem Lehrer verbunden.

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Željko Ivezić, Department of Astronomy, Univ. of Washington

I met prof. Karl Rakoš in the late 1980s. I was an undergraduate student of physics at the University of Zagreb and prof. Rakoš was driving twice a week all the way from Vienna, Austria to teach an astronomy class in Zagreb, Croatia. I remember his lectures as being unusually clear and enthusiastic. It was hard to tell from his accent that he had not visited Croatia for many decades. The whole class liked his teaching, and we were fond of counting how many times per lecture he would use the German word “also” (instead of its Croatian counterpart). We even fit Poisson distribution to our data.

I got to know prof. Rakoš much better around the time of my graduation. At that time, I was considering going to the USA for graduate studies. Despite already having a fellowship offer from the University of Kentucky, I was still uncertain whether this was the right thing to do. Coincidentally, prof. Rakoš needed an assistant for his observing run at the Kitt Peak and Lowell Observatories in Arizona during the summer of 1991. Prompted by my undergraduate thesis advisor prof. Pavlovski, I joined prof. Rakoš on his trip to Arizona. During that time, I made a short visit to the University of Kentucky which sealed my decision to continue my education in the USA. It is fair to say that I might not have become a professional astronomer were it not for my trip to Arizona with prof. Rakoš.

The three weeks we spent together at the Kitt Peak and Lowell Observatories was for me a period of many new experiences and impressions. One of the more memorable details was a big black bag in which prof. Rakoš carried a large collection of redshifted Stroemgren filters. During many observing nights, prof. Rakoš told me numerous stories about astronomers, as well as his views of USA, Europe, totalitarian societies, the market system, and many other topics. While I didn’t always agree with him, his observations and views were invariably intellectually stimulating, and often quite amusing. On the way home from Arizona, the war in Slovenia erupted and I was unable to return to Zagreb. Prof. Rakoš kindly invited me to stay in his apartment for five days, at which time I had the opportunity to meet Mrs. Rakoš and witness their harmonious relationship.

Many years later, our paths crossed again. Together with prof. Pavlovski, we formed a collaboration to investigate properties of galaxies using SDSS spectral data. Our idea was to use a method for studying galaxies based on redshifted narrowband photometric bandpasses pioneered by prof. Rakoš, but this time using filters implemented in software, rather than in hardware. In the end, we demonstrated that his method was indeed an excellent way to study galaxies in the era prior to massive spectroscopic surveys.

It was sad to hear that prof. Rakoš is not with us anymore. I will remember him fondly, with great respect for his life’s work, and with deepest gratitude for what he did for me.

Željko Ivezić
Department of Astronomy
University of Washington
February, 2012

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Nachruf auf Univ.Prof. Dr. Karl Rakos


Publiziert im "Sternenboten" Vol. 1, 2012


Am 31. Oktober vergangenen Jahres verstarb Univ.Prof. Dr. Karl Dragutin Rakos am Vortag seines 86. Geburtstages. Mit ihm verliert die Wiener Astronomie eine within geschätzten Wissenschafter, Universitätslehrer und Mitbegründer der modernen astrophysikalischen Forschung am Institut für Astronomie der Universität in Wien.

Prof. Rakos war auswärtiges Mitglied der Kroatischen Akademie der Wissenschaften, Mitglied der Internationalen Union, insbesondere der Kommissionen 26 (Doppel und Mehrfachsterne, für die er sechs Jahre lang als Präsident tätig war), 27 (Veränderliche Sterne) und 42 (Enge Doppelsterne). Weiters war Prof. Rakosch auch Mitglied der Astronomischen Gesellschaften von Europa, Kroatien, Amerika und der European Science Foundation.

Er wurde am 1. November 1925 in Kroatien unter den wirtschaftlich schwierigen  Umständen der Zwischenkriegszeit in eine Familie mit zwei Brüdern geboren. Sein Interesse an Naturwissenschaft und Technik manifestierte sich schon in jungen Jahren und so war sein Weg zum Studium der Astronomie an den Universitäten in Zagreb und Belgrad vorgezeichnet. Diese konnte er aber wegen Verhaftung und Verurteilung wegen seiner antikommunistischen Haltung im damaligen Jugoslawien nicht beenden, sondern konnte sie erst nach einer abenteuerlichen Flucht im Jahr 1950 nach Österreich in Graz fortsetzen und abschließen.

Hier lernte er auch seine spätere Frau Annemarie, geborene Gütschow, kennen mit der er sehr glücklich verheiratet war und vier Kinder hatte. Seine Promotion mit der Arbeit „Entwicklung und Bau eines lichtelektrischen Sternphotometers“ erfolgte 1956 und bis zu seiner Habilitation im Jahr 1967 war er Mitarbeiter an der Universitätssternwarte in Graz. Anschließend übernahm er eine Stelle an der Universitätssternwarte in Wien und wurde im September 1974 zum außerordentlichen Universitätsprofessor ernannt.

Vor seiner Zeit in Wien verbrachte er insgesamt vier wissenschaftlich wegweisende Jahre in den USA, z.B. am Lowell Observatorium in Flagstaff, USA, wo er auch einen etwa gleich jungen Kollegen kennen lernte, Dr. Alois Purgathofer, der von der damaligen Wiener Universitätssternwarte kommend, sich ebenfalls in den USA  in die moderne astrophysikalische Forschung von internationalem Rang einarbeitete. Zu dieser Zeit war die instrumentelle Ausstattung am Wiener Institut durch den Grossen Refraktor dominiert, dem weiland größten Fernrohr der Welt, das aber inzwischen schon mehr als 100 Jahre alt war. 

Beiden Astronomen ist es als großes Verdienst anzurechnen, dass sie die astrophysikalische Forschung in Wien mit großem jugendlichen Enthusiasmus etabliert haben. Zu diesen Verdiensten gehört unter anderem die Einführung der damals hochaktuellen digitalen Elektronik, wie z.B. die Entwicklung eines Photonen zählenden Photometers, die Einführung der ersten digitalen Detektoren (damals ein Reticon, später CCDs), Anschaffung des ersten Prozessrechners (PDP12) und später PDP11, sowie DEC-VAX, wodurch er auch die Computerisierung des Institutes für Astronomie in Wien einleitete. Er entwickelte den sogenannten Aerea Scanner, einem Gerät zur präzisen astrometrischen und photometrischen Vermessung von Doppelsternen, was unter Anderem zur ersten brauchbaren Photometrie des Sirius-Begleitsterns, einem Weissen Zwerg, führte.  Rakos’s Arbeiten über chemisch pekuliare (Ap) Sternen, die er am Lowell Observatorium begonnen hatte, waren häufig von Fachkollegen zitiert und diese Thematik ist noch heute, mehr als 40 Jahre später, einer der wissenschaftlichen Schwerpunkte am Institut. Das dokumentiert auch die erste von der Internationalen Astronomischen Union in Österreich überhaupt durchgeführte Konferenz, nämlich im Jahr 1975 „Physics of Ap Stars“.  ADS weist 141 Titel mit Karl Rakos als Autor oder an prominenter Stelle als Mitautor aus, was seine wissenschaftliche Leistungsfähigkeit illustriert. Kein Wunder also, dass ihm zu Ehren der im Oktober 1977 entdeckte Kleinplanet den Namen „Rakos“ trägt.

Einen weiteren nachhaltigen Impuls setzte Rakos mit dem Einsatz von Forschungssatelliten für seine Arbeiten. Seit seiner Publikation im Jahr 1977 über das UV-Spektrum des chemisch pekuliaren Sternes  alpha Andromedae hat der Einsatz von weltraumastronomischen Methoden am Institut stetig zugenommen, wie auch die Beteiligung an internationalen Satellitenprojekten. Rakos hat die Grundlagen dafür geschaffen, dass es seit kurzem in Wien eine Professur für Weltraumastronomie gibt und dass heuer wahrscheinlich die ersten österreichischen (Klein-)Satelliten in Betrieb genommen werden – mit astronomischem Forschungsprogramm. 

In den letzten Jahrzehnten driftete sein Forschungsinteresse von stellaren Fragestellungen zu solchen der Entwicklung von Galaxien. Seine letzte wissenschaftliche Arbeit (Ages and Metallicities of Cluster Galaxies in A779 using Modified Strömgren Photometry) erschien zwei Monate nach seinem Tod mit ihm an dritter Stelle von 5 Co-Autoren!

Darüber hinaus muss noch sein Einsatz als Universitätslehrer bedacht werden. Die mehr als drei Laufmeter schwarz gebundener Diplomarbeiten und Dissertationen in seinem Büro illustrierten eindrucksvoll die von ihm betreuten Absolventen.  Die Qualität seiner Betreuung wird durch das dichte internationale Netzwerk dieser Absolventen bezeugt, das Europa, Amerika und die wichtigsten Grossinstitutionen wie ESO, AURA und ESA umfasst.

Und schließlich sollen auch die Mühen der Ebene erwähnt werden. Von 1979 bis 1981 war er Vorstand des Institutes für Astronomie. Schon in den vorangehenden Jahren (und danach) hat er seine forschungspolitischen Zielvorstellungen öffentlich vertreten, die an den modernen astrophysikalischen Fragestellungen orientiert waren. Letztlich gab das damalige Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung bei ihm ein „Konzept für die astronomische Forschung in Österreich“ in Auftrag, das er im Team erarbeitete und das 1976 publiziert wurde. Die in diesem Konzept vorgeschlagenen Schwerpunkte beschreiben noch jetzt, nach fast 40 Jahren, das Forschungsspektrum des Institutes. 

Prof. Karl Dragutin Rakos wird von seinen Freunden und Fachkollegen als geschätzter Wissenschaftler und Lehrer in Erinnerung bleiben, so wie „sein“ Kleinplanet auf lange Zeit die Sonne umkreisen wird.

Werner W. Weiss
Rudolf Albrecht

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